• Document: Thomas Bronisch Suizid Ursachen Warnsignale Prävention
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Unverkäufliche Leseprobe Thomas Bronisch Suizid Ursachen Warnsignale Prävention 136 Seiten, Paperback ISBN: 978-3-406-55967-9 © Verlag C.H.Beck oHG, München I. Einleitung Denn die einen sind im Dunkeln Und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte Die im Dunkeln sieht man nicht. Bertolt Brecht: Dreigroschenoper Suizid und Suizidversuch sind Verhaltensweisen, die nur dem Menschen eigen sind. Sie berühren fundamental seine Existenz und setzen Selbstreflexion voraus, d. h. ein bewusstes Handeln mit der Konsequenz bzw. dem Versuch, die eigene Existenz aus- zulöschen. Bemerkenswerterweise werden in dem Buch Das Ich und sein Gehirn von dem Philosophen Sir Karl Popper und dem Gehirn- physiologen Sir John Eccles (1977), welches sich mit der den Menschen von allen anderen Lebewesen trennenden Eigenschaft der Selbstreflexion auseinandersetzt, die Fähigkeit des Men- schen, Feuer herzustellen, und das Bedürfnis, die Toten zu be- graben, als erste Zeichen der Selbstreflexion der Spezies Mensch angesehen. Wir können nicht wissen, ob der Vorzeitmensch Hand an sich gelegt hat, aber schon in der Bibel, und zwar sowohl im Alten als auch im Neuen Testament, findet man eine Reihe von Suiziden. Insgesamt gibt es 16 Beschreibungen möglicher Sui- zidakte: Neun entfallen auf das Alte Testament, wobei Saul selbst dreimal erwähnt wird, seine Waffenträger zweimal: Abi- milech, Samson, Saul, Waffenträger Sauls, Ahithophel, Zimri. Fünf Beschreibungen kommen in den Apokryphen vor: Ptole- my, Macron, Razis, der siebte Bruder, des siebten Bruders Mut- ter. Schließlich wird im Neuen Testament zweimal Judas Ischa- riot erwähnt. Auffallend ist, dass sich in der Bibel kein ausdrück- liches Verbot des Selbstmordes findet, während im Talmud und I. Einleitung 9 im Koran eindeutig Stellung gegen den Selbstmord genommen wird. Auch in der Antike bei den Griechen und Römern werden Suizide berichtet, welche anekdotisch und verstreut über die ge- samte Dichtung und Geschichtsschreibung zu finden sind. Die Einschätzung des Selbstmordes hängt bei diesen Völkern sehr von den religiösen Anschauungen einzelner Epochen und den Einstellungen einzelner philosophischer Schulen ab. Der Suizid war und ist – in der geschriebenen Geschichte – eine umstrittene Handlung. Während in der Bibel und der An- tike der Suizid auch eine vertretbare oder sogar erwünschte Lösung eines sonst unlösbaren Konfliktes sein konnte, wurde im 5. Jahrhundert der Begriff «Selbstmörder» vom Kirchenvater Aurelius Augustinus in De civitate dei (413– 426) eingeführt, der den Selbstmord hinsichtlich der moralischen Bewertung dem Mord gleichstellte und damit einen Schlusspunkt hinter die Debatte über die Bewertung von Suizidhandlungen setzte. Um die Selbsttötung als negative Tat charakterisieren und sie wie einen Mord an einem anderen Menschen werten zu können, wurde auf dem Konzil von Arles 452 erklärt, dass der Selbst- mord ein Verbrechen sei und die Folge des furor diabolicus dar- stelle. Ein Jahrhundert später wurde angeordnet, dem Leichnam eines Selbstmörders das christliche Begräbnis zu verweigern. Die Kirche des christlichen Mittelalters, repräsentiert durch Thomas von Aquin in Summa theologica II–III, verurteilte den Suizid dezidiert (1271 /72). Das erstmals 1177 gebrauchte Wort «Suizid» wurde erst in der Neuzeit systematisch verwendet. Das Konzil von Nîmes im Jahre 1184 machte die Verdammung des Selbstmordes zu einem Teil des kanonischen Rechtes. Durch die Verflechtung von staatlicher und kirchlicher Gewalt im Mittel- alter wurde die kirchliche Verdammung des Selbstmordes in vielen europäischen Staaten in die gesetzlichen Bestimmungen aufgenommen. Als erstes Land strich Frankreich während der Revolution 1790 den Selbstmord von der Liste der gesetzlichen Verbrechen, Preußen folgte sechs Jahre später. Österreich schloss sich dieser Entwicklung erst im Jahre 1850 an. Als letztes europäisches 10 I. Einleitung Land schaffte England 1961 ein Gesetz ab, das Selbstmord als Verbrechen mit Mord gleichsetzte und versuchten Selbstmord als Vergehen bewertete, das strafrechtlich verfolgt wurde. Der große französische Psychiater des 19. Jahrhunderts, Jean Etienne Dominique Esquirol, sah in dem Suizid alle Merkmale der Geisteskrankheiten versammelt (1838). In dieser Ansicht folgten ihm viele Psychiater nach, wie etwa Robert Gaupp (1905). Noch heute bestehen diese Einschränkungen fort und haften auch an verschiedenen Begriffen für die Tatsache des Hand-an- sich-Legens: «Freitod» (Améry 1976), «Selbstmord» als Ver- gehen in den christlichen Religionen bzw. Selbstmord als Ab- schluss einer krankhaften Entwicklung (Ringel 1953). In diesem Buch wird der neutrale und in der wissenschaftlichen Literatur verwandte Begriff des

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